Woher ich alles habe

Ich habe es von Sunnyland Slim, Kopenhagen Oktober 1964, es war mein zweiter Monat in der Dorfschule Sommerfeld damals, alle vier Klassen im selben Raum.

Ich habe es von Sonny Boy Williamson und Memphis Slim, auch Kopenhagen, ein Jahr davor, ich stromerte noch durch Wälder, sammelte Kremplinge und Butterpilze, zehn und ein paar Jahre später war es die eigene Entdeckung, und die erste Mundharmonika war aus Klingenthal.

Ich habe es von Porgy und Bess, Soundtrack der Kindheit, Mutters zweiter Mann stand mehr auf Blasmusik aus den Südstaaten, als sonnabends nicht mehr gearbeitet wurde, lief früh immer Dixieland auf dem Tonbandgerät.

Ich habe es von Satchmo, er trat im Friedrichstadtpalast auf, Kinder nahm man noch nicht mit zum Abendkonzert, ich habe es von Ella Fitzgerald, von der Amiga-Schallplatte, vielleicht waren die 60er etwas wie beste Jahre des letzten Jahrhunderts?

Ich habe es von unserem Vater, Gruß an die Halbgeschwister landauf, landab, und wie er trällerte: O When The Saints Go Marching In.

Ich habe es, jede Wette, auch von Chuck Berry, nur als ich damals beim Zehnte-Klasse-Abschlussfest in der Turnhalle die Rotblonde um den ersten Tanz bat, passte Rock’n’Roll irgendwie nicht.

Ich habe es von meiner ersten Blues Harp in E, die großen Durchfahrten der Mietskasernen, gebaut für Fuhrwerke, die in den Remisen parkten, sensationelle Akustik, wenn ich allein da stand in der Nacht und die Töne so lange dehnte, wie es mir möglich war.

Ich habe es von der Nacht in Hamburg, Machone fragte nach meinen Motown-Scheiben, wir hörten Diana Ross, Marvin Gaye, Stevie Wonder rauf und runter, schließlich das Meisterstück der Temptations, einst waren sie in Meersburg aufgetreten, drei von der ersten Besetzung, orange Overalls, ich stand zu weit hinten, der Sound war elend, ich habe es, ehrlich gesagt, von langen Autofahrten und Nächten allein zuhause.

Ich habe es von Schultze, dem Kalikumpel im Vorruhestand, wie er in seiner Laube sitzt bei der Salzlampe, wie er zum Dorfbums Akkordeon spielt und wie ihn der Zydeco direkt zu den Göttern über den Ozean trägt.

Ich habe es von Aretha Franklin, der Hammerauftritt in Blues Brothers, wie sie die Schürze abwirft und den Lappen von Ehemann an die Wand singt und überhaupt alle.

Ich habe es vom Jazzcup Kopenhagen, eines Sommertages mittags, vor dem Laden der grauhaarige Typ mit Besen, ich frage, ob er zufällig Miles Davis da hätte, Fahrstuhl zum Schafott, ich hätte meine CD schon wieder verschenkt, klar hat er, die Sonderedition zum sündhaften Preis, er legt noch zwei Eigenproduktionen mit Kopenhagener Bands drauf, ich habe es wie gesagt von langen Autofahrten und, klar, Paris 1957, was für ein Jahrgang.

Demeters andere Tochter


für Karla Christina


Sie ist es, scheut nicht den Winter,
was Blatt war, das fällt ins Bodenlose,
sie ist es – der große Graphiker
schraffiert mit dem Stift die Gründe,
setzt wenige Lichter noch auf
dem Traufenden oder dem Fluss –
sie ist es, ändert den Lauf,
lässt blühen noch jenseits des Efeus,
von dem sich der dunkle Vogel nährt,
sie ist es, das Grau aufgewogen
und alles wie neu in dem Licht,
das ist ihrer Hände Wirken.

aus: Imago, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2020

Woher ich alles habe

Wie das Wasser

Ich sah, wie das Wasser im Flussbett sich wölbte,
sah, wie geringe Wellen sich trafen zu Mustern,
ich sah alle Arten von Vögeln tauchen nach Fisch,
ich sah, wie die Brücke im Nebel sich spannte,
sah sie in ihrem treuen Tun, die Arbeiterin,
verstand ihren alten und schönen Gedanken.

Ich sah eine Brise kommen, ihr Spiel mit dem Fluss,
auffrischende Winde strähnten das Wasser,
ich sah zu dem Schloss, der Terrasse, dem Grabmal
des Lebensfreundes, den auch ich sehr vermisste,
ich grüßte den Weinberg, das Handwerk des Winzers,
ich sah, wie das Wasser mit der Erinnerung fortzog.

aus: Das Alter der Elbe, S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2026

Abel

aus: Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943. Kösel-Verlag München, Vierte Auflage 1990

Wir leben

Wir leben in den Räumen
zwischen den Klopfzeichen der Toten,
zwischen ihren Chiffren
in unseren Worten
und ihren ehernen Namen,
unter ihren Signalen auf Halbmast.
Wir leben, gekrümmte Lettern,
Schlangen und Salamander.
Die Toten wohnen tiefer
und, schlagen wir sie heraus,
aufrecht noch im Pflasterstein.
Unser schiefer, fragender Gang
auf ihrem Chorsatz.

Aus: Vineta. Gedichte, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main 1998

O Gott

aus: Else Lasker-Schüler, Gedichte 1902-1943, Kösel-Verlag München, 4. Auflage 1990

Verfolgungswahn

Statt des Geldbriefträgers kommt der Mond
vom Friedrichshain. Statt der Liebe tritt
der wackere Sankt Georg aus der Ecke,
fremd, unbekannt ohne sein Kreuz.
Statt der Krokusse, der zarten Frühlingstöne,
rast der Schlitten auf der Todesbahn.
Statt des Planschbeckens für die Enkel
steht das Leninmonument im Garten.

Aus: Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Sternsucher

Der, hör ich, nachts aus dem Haus geht
und, seh ich, hoch in den Himmel schaut,
den, weiß ich, eine sehr gerne mal träfe,
doch, sagt sie, so wie es aussieht,
der, klagt sie, schaut doch immer nur hoch
und, denkt sie, niemals in mein Gesicht.
So, mein Freund, findest du nie deinen Stern.

Aus: Vineta, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998

Das Kind

Bin wieder Kind geworden mit den Jahren,
hab keinen Anteil an der großen Welt,
hocke in einem abgelegenen Garten
und staune, dass der Regen fällt.
Die Leute draußen denk ich mir zu Liebespaaren,
und obendrein verdienen sie sich Geld.
Meins ist, ich liebe, auf die Sterne warten,
kann sein, dass einer in mein Hemd rein fällt.

Die sichtbaren Dinge, poetenladen, Leipzig 2019

Termine

17. Februar 2026
“Wo sind wir, was wir sind” Zu Ehren Rolf Bosserts.
Podiumsgespräch mit Ernest Wichner, Carmen-Francesca Banciu, Noémi Kiss und Jan Koneffke (Moderator).
Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Kronenstraße Berlin

21. März 2026
Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Connewitzer Verlagsbuchhandlung, Leipzig

11. April 2026
Dresdner Buchpremiere “Das Alter der Elbe”, Bibliothek Laubegast

11. Mai 2026
Lesung bei Wist – Der Literaturladen, Potsdam